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Ausstellung vom 10. Juli bis 12.
September 2004 in der Kunsthalle Karlsruhe
Georg Baselitz: "Malelade"
Ein "Opus magnum innerhalb der
Künstlerbücher des 20. Jahrhunderts"
nannte Siegfried Gohr "Malelade" von Georg
Baselitz. Der Künstler bezeichnete mit diesem
Titel eine Folge von 41 großformatigen,
farbigen und schwarz-weißen Radierungen und
Strichätzungen, die im Jahr 1990 von dem
Hamburger Drucker Till Verclas gedruckt und von der
Galerie Michael Werner verlegt wurde. Die
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe konnte die "suite
libre" und ein gebundenes Exemplar von "Malelade"
im Dezember 1998 erwerben. In diesem Werk gibt der
1938 in Deutschbaselitz geborene Maler und
Bildhauer unter anderem versteckt Auskunft
über seine Sicht auf Natur, Kunst, Biografie,
Romantik und die Frage nach der Funktion von
Erinnerung.
"Malelade" ist das erste von bislang sechs
Künstlerbüchern von Georg Baselitz. Es
entstand im wesentlichen im Jahr 1989 und gilt als
eines seiner Hauptwerke. Im Medium der Druckgrafik,
das seine malerische Arbeit stets klärend und
bekräftigend begleitet, schließt es eine
rund zweijährige Arbeitsphase im Oeuvre des
Künstlers ab. In jener Zeit entstanden rund
200 großformatige, virtuose Pastelle und
Ölbilder unter dem Titel "Das Motiv", in denen
Baselitz mit fulminanter Energie und Ausdauer
grundsätzliche Probleme der Flächenkunst
befragte. Die Bilder und Pastelle dieser Zeit - und
in der Folge wesentlich auch die Blätter von
"Malelade" - kreisen in unermüdlich
vorgetragenen, immer wieder neuen Attacken um die
Problematik des Verwebens von Figur, Grund und
Ornament, um Fragen der Raumkonstituierung, der
Farb-Interaktion, des Über-, Neben-, Gegen-,
In- und Miteinander nicht nur von Linien und
Flächen, sondern auch der ihnen zugrunde
liegenden widerstreitenden rationalen und
irrationalen Impulse und Vorstellungen. "Malelade"
bildet das formal faszinierende und inhaltlich
vielschichtige Zentrum der Ausstellung in der
Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, das rund 40
Arbeiten aus der Reihe "Das Motiv" und die
Künstlerbücher von Georg Baselitz
ergänzen.
Erstmals begegnen in "Malelade" Grafiken des
Künstlers von ihm selbst geschriebenen Texten
- kindlich stolpernden, an dadaistische Vorbilder
erinnernden, anrührenden, aber auch grotesk
komischen lyrischen und liedhaften Zeilen. Mit
Sprache operiert Baselitz von Beginn seines
künstlerischen Weges an bildhaft, seine Bilder
jedoch meiden das Erzählerische
spätestens seit 1969 mit der Umkehr des Motivs
und der partiellen Abkehr von ihm. Treten beide
Elemente - wie in den Künstlerbüchern -
zueinander, entsteht ein komplexer Dialog, eine
vieldeutige Spannung zwischen rudimentärer
Ausdrücklichkeit und bildnerischer
Verfremdung, kommunizierbarem Sachinhalt und
eigenständigem Forminhalt. "Malelade"
lässt einen Streifzug imaginieren, auf dem ein
suchendes Subjekt die Welt betrachtet, entdeckt,
erinnert und zu sich findet.
Nicht nur tauchen für den Künstler
typische Motive auf, sondern auch Verweise auf
kunsthistorische Vorbilder: Im speziellen Fall gab
vor allem eine mittelalterliche Handschrift, der
sogenannte Physiologus von Smyrna, dem
Künstler Anregungen für sein Werk. Der
"Physiologus" war bis ins 19. Jahrhundert, das ihn
gering zu schätzen begann, neben der Bibel das
meistgelesene Buch des christlichen Abendlandes. Er
diente der erbaulichen Belehrung und beeinflusste
die Bildproduktion nachhaltig. Das schmale Werk
erzählte ursprünglich wohl 48,
später immer mehr Geschichten um reale,
heimische und exotische Tiere und Fabelwesen, um
Bäume und wunderwirkende Steine. Seine
hochmittelalterliche Gestalt hat der "Physiologus"
erst nach unzähligen und nicht mehr klar
voneinander unterscheidbaren Textredaktionen
angenommen, dann wurde er zum ersten in zahlreiche
europäische Sprachen übertragenen
Volksbuch. Schon in den frühen Fassungen
verbinden sich Schilderungen, die aus genauer
antiker Naturbeobachtung hervorgehen, mit
mythischen Vorstellungen und Legendenbildungen
verschiedener Einflusstraditionen zu
moralisierend-didaktischen, religiösen
Gleichnissen. Tiere figurieren durchgängig als
allegorische Stellvertreter, deren Charakteristika
in Analogie zu menschlichem Verhalten oder zu den
Eigenschaften der Protagonisten der christlichen
Heilsgeschichte interpretiert werden.
Diese mythische Sicht auf Natur ist in Baselitz'
Bild- und Vorstellungswelt völlig aufgegeben.
Er zeigt zwar auch Adler, Hase, Hahn, Hund, Meise,
Pferd, Schwein und andere Tiere. Aber das sie
beobachtende Subjekt gibt keine Erklärungen
mehr ab, es hegt an der Begreifbarkeit der Welt
stärkste Zweifel - steht ihr zwar staunend,
angerührt, eindrucksoffen, aber auch hilflos
gegenüber. In "Malelade" zu blicken,
heißt also auch, mit den Augen eines modernen
Subjekts im "Buch der Natur" und im Buch der
desillusionierenden Geschichte des 20. Jahrhunderts
zu lesen. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im
Kehrer Verlag Heidelberg mit Texten von Klaus
Schrenk und Kirsten Claudia Voigt. (Text:
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe)
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
Hans-Thoma-Straße 2 - 6, 76133 Karlsruhe
Telefon: 0721-9263355
Fax: 0721-9266788
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