Georg Baselitz

Georg Baselitz.
von Andreas Franzke und Edward Quinn.

Gebundene Ausgabe, 271 Seiten, Prestel-Verlag München

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Große Baselitz-Retrospektive in Bonn bis 8. August 2004

Das Wütende in seinem Werk ist einer Leichtigkeit gewichen

Von Bildern, die den Kopf verdrehen

Willkommen im Olymp der deutschen Kunstgötter. Nach Richter und Polke ehrt die Bundeskunsthalle in Bonn nun Georg Baselitz mit einer opulenten Retrospektive, die einen tiefen Einblick in das Labor eines Künstlers verschafft, der am Beginn seines Schaffens mit der Behauptung provozierte, in ihm seien die Giftmischer, die Verheerer und die Entarteten zu Ehren gelangt.

Wer die ältesten der 130 Exponate der chronologisch gehängten Ausstellung mit neuen Arbeiten vergleicht, wird feststellen, dass Baselitz ein nahezu bruchloses Werk geschaffen hat. Die Anfang der 60er-Jahre entstandenen Bilder weisen bereits eine expressive Gestik auf, die das Motiv bis an den Rand der Unkenntlichkeit drängen kann. Man sieht: Es geht um Malerei, weniger um Inhalte.

Als die Kunstwelt um die Begriffe Pop, Minimal und Konzept kreiste, verarbeitete der 1938 geborene Baselitz gegenständliche Motive. Bildern wie "Die großen Freunde" und "Der neue Typ" mit ihrem bemitleidenswerten Personal, das Baselitz roh und schroff auf die Leinwand wirft, wohnt ironisch gebrochenes Pathos inne. Bald aber sollte es für die Figuren noch ärger kommen. Erst wurden sie zerschnitten und neu zusammengefügt. Dann ließ der Maler sie kopfüber ins Bild plumpsen.

Diesem Verfahren entlieh die Ausstellung ihren Titel. "Bilder, die den Kopf verdrehen" heißt die Werkschau doppeldeutig, die belegt, dass Baselitz weit mehr ist als ein Maler, der die Motive von der Schwerkraft befreit. Im Ausstellungsraum mit seinen fast zwölf Meter hohen Wänden geben sich die immer monumentaler gewordenen Formate suggestiv: Farbtableaus mit mal mehr, mal weniger deutlichen Bildgegenständen als strukturierende Elemente.

Werkhöhepunkte wie "Die große Nacht im Eimer", "Der Wald auf dem Kopf", "Nachtessen in Dresden" und "Das Malerbild" sind in Bonn versammelt. Sie treffen auf wuchtig-klotzige, wie unter dem Einfluss Ernst Ludwig Kirchners entstandene Holzfiguren, deren Farbakzentuierungen ins Visuelle zurückweisen.

Gerne wird Baselitz mit dem Klischee des opponierenden Künstlers belegt. Dass der Maler aber stark in der Tradition verwurzelt ist, legt die Ausstellung in seltener Deutlichkeit nahe. Neben Expressionismus, Surrealismus und Art Brut spielt die Romantik eine tragende Rolle. "Melancholie" heißt eine Arbeit aus dem Jahr 1998, die motivisch auf Caspar David Friedrich zurückzuführen ist. Die malerische Ausführung der Figurengruppe auf wächsernem Untergrund zeigt dagegen einmal mehr, dass es Baselitz nicht um das Zitat und schon gar nicht um ästhetischen Reiz geht. "Wenn ich ein Gemälde anfange, dann beginne ich Dinge zu formulieren, als würden die Vorläufer nicht existieren."

In seinen jüngsten Arbeiten wie den Zyklen "Bubenschneiden" und "Knaben" hat Baselitz die Leinwand weniger dicht, weniger dramatisch bearbeitet. Das Wütende ist einer Leichtigkeit gewichen. Vorhandene Verweise auf früher entstandene Bilder lassen sich wie eine Revision des eigenen Werkes lesen. Ein Zurück ist indes nicht denkbar für einen wie Baselitz:

"Mich interessieren Grenzfälle in der Kunst, wo das klassische Bild zerfällt. Von hier aus geht es munterer weiter", erklärte er vor zehn Jahren. Daran hat sich - sehr zur Freude des Kunstmarktes - nichts geändert.

© Badisches Tagblatt, 21.4.2004

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