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Große Baselitz-Retrospektive
in Bonn bis 8. August 2004
Das Wütende in seinem Werk ist einer
Leichtigkeit gewichen
Von Bildern, die den Kopf
verdrehen
Willkommen im Olymp der deutschen
Kunstgötter. Nach Richter und Polke ehrt die
Bundeskunsthalle in Bonn nun Georg Baselitz mit
einer opulenten Retrospektive, die einen tiefen
Einblick in das Labor eines Künstlers
verschafft, der am Beginn seines Schaffens mit der
Behauptung provozierte, in ihm seien die
Giftmischer, die Verheerer und die Entarteten zu
Ehren gelangt.
Wer die ältesten der 130 Exponate der
chronologisch gehängten Ausstellung mit neuen
Arbeiten vergleicht, wird feststellen, dass
Baselitz ein nahezu bruchloses Werk geschaffen hat.
Die Anfang der 60er-Jahre entstandenen Bilder
weisen bereits eine expressive Gestik auf, die das
Motiv bis an den Rand der Unkenntlichkeit
drängen kann. Man sieht: Es geht um Malerei,
weniger um Inhalte.
Als die Kunstwelt um die Begriffe Pop, Minimal und
Konzept kreiste, verarbeitete der 1938 geborene
Baselitz gegenständliche Motive. Bildern wie
"Die großen Freunde" und "Der neue Typ" mit
ihrem bemitleidenswerten Personal, das Baselitz roh
und schroff auf die Leinwand wirft, wohnt ironisch
gebrochenes Pathos inne. Bald aber sollte es
für die Figuren noch ärger kommen. Erst
wurden sie zerschnitten und neu
zusammengefügt. Dann ließ der Maler sie
kopfüber ins Bild plumpsen.
Diesem Verfahren entlieh die Ausstellung ihren
Titel. "Bilder, die den Kopf verdrehen" heißt
die Werkschau doppeldeutig, die belegt, dass
Baselitz weit mehr ist als ein Maler, der die
Motive von der Schwerkraft befreit. Im
Ausstellungsraum mit seinen fast zwölf Meter
hohen Wänden geben sich die immer monumentaler
gewordenen Formate suggestiv: Farbtableaus mit mal
mehr, mal weniger deutlichen Bildgegenständen
als strukturierende Elemente.
Werkhöhepunkte wie "Die große Nacht im
Eimer", "Der Wald auf dem Kopf", "Nachtessen in
Dresden" und "Das Malerbild" sind in Bonn
versammelt. Sie treffen auf wuchtig-klotzige, wie
unter dem Einfluss Ernst Ludwig Kirchners
entstandene Holzfiguren, deren Farbakzentuierungen
ins Visuelle zurückweisen.
Gerne wird Baselitz mit dem Klischee des
opponierenden Künstlers belegt. Dass der Maler
aber stark in der Tradition verwurzelt ist, legt
die Ausstellung in seltener Deutlichkeit nahe.
Neben Expressionismus, Surrealismus und Art Brut
spielt die Romantik eine tragende Rolle.
"Melancholie" heißt eine Arbeit aus dem Jahr
1998, die motivisch auf Caspar David Friedrich
zurückzuführen ist. Die malerische
Ausführung der Figurengruppe auf
wächsernem Untergrund zeigt dagegen einmal
mehr, dass es Baselitz nicht um das Zitat und schon
gar nicht um ästhetischen Reiz geht. "Wenn ich
ein Gemälde anfange, dann beginne ich Dinge zu
formulieren, als würden die Vorläufer
nicht existieren."
In seinen jüngsten Arbeiten wie den Zyklen
"Bubenschneiden" und "Knaben" hat Baselitz die
Leinwand weniger dicht, weniger dramatisch
bearbeitet. Das Wütende ist einer Leichtigkeit
gewichen. Vorhandene Verweise auf früher
entstandene Bilder lassen sich wie eine Revision
des eigenen Werkes lesen. Ein Zurück ist indes
nicht denkbar für einen wie Baselitz:
"Mich interessieren Grenzfälle in der Kunst,
wo das klassische Bild zerfällt. Von hier aus
geht es munterer weiter", erklärte er vor zehn
Jahren. Daran hat sich - sehr zur Freude des
Kunstmarktes - nichts geändert.
© Badisches Tagblatt, 21.4.2004
Biografie
Georg Baselitz
Zum 65.
Geburtstag von Baselitz
Baselitz
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